Diplomatie ist ein Dienst, und ich verstehe diese Arbeit als Geschenk

2016-09-08

Interview der ehemaligen Praktikantin Veronika Gregušová mit dem Botschafter Jan Sechter

Kurz vor der Abreise nach Sichuan in die Berge mit seinem Sohn hat sich Herr Botschafter Zeit genommen, um in einem Kaffeehaus in Vinohrady grünen Tee zu trinken und sich über Diplomatie, Mentorentätigkeiten und über die einsteigende junge tschechische Generation zu unterhalten.

Herr Botschafter, ist für Sie die Diplomatie etwas, das Sie schon immer machen wollten?

Nein ist es nicht, keineswegs. Ich war jedoch Student während der Zeit der Wende und Organisator der Studentenbewegung der Landwirtschaftlichen Universität im November 1989. Es war eine Zeit, wo ich das erste Mal in die Rolle des Vermittlers geriet. Ich organisierte die Unterstützung der Studenten und verhandelte die Abschaffung der Abteilung für Marxismus und Leninismus, die Schaffung eines akademischen Senates und die Organisation der ersten Wahl. Im Jahr 1991 fand im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten eine Anwerbung von Hochschulstudenten statt. Ich meldete mich, weil ich wissen wollte, ob ich bei dieser Konkurrenz bestehen könnte. Schlussendlich wurde ich aufgenommen. Ich begann in der Kulturabteilung, wo ich mich den deutschsprachigen Ländern widmete und wo sich herausstellte, dass ich in dieser Region verbleiben sollte.

Was denken Sie über die Welt der Diplomatie?

Die Diplomatie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie die Schnittstelle zwischen zwei Welten ist. Bereits in Babylon und Ägypten lösten sie mittels der Diplomatie ihre Probleme und schlossen Verträge. Anders als bei der Arbeit in Unternehmen, repräsentiert man Ansichten und vermittelt Meinungen. Die Diplomatie bemüht sich gemeinsame Interessen zu finden und Konflikte rechtzeitig zu identifizieren. Es ist ein öffentlicher Dienst, mit der Projektion der Ergebnisse im Ausland, mit starker Rückbindung nach Hause und zu alledem habe ich eine Beziehung.

Es ist wunderbar, dass Sie die Diplomatie als Dienst wahrnehmen.

Diese Arbeit verstehe ich als Geschenk. Die Diplomatie war und ist verbunden mit bestimmten Privilegien und Prestige, weil man nicht nur das Land vertritt, aber auch vor allem das Staatsoberhaupt. Manche können mit dem Prestige umgehen, andere können das nicht.

Wie kann man als Mensch seine Demut bewahren in solch einer Gesellschaft?

Demut kann man zum Beispiel so beibehalten, dass man sich eine inklusive Umgebung schafft. Ich versuche mich mit verschiedenen Personen zu unterhalten, schaffte Raum für Praktikanten und versuche nicht zu vergessen was Zuhause passiert. Das ist für mich der Weg, wie ich nicht hochnäsig werde. Das Gegenteil ist eine exklusive Umgebung, wo man sich nur mit Personen unseres Bereichs und derselben hierarchischen Ebene (z.B. Botschaftern, Politikern oder Direktoren von Unternehmen) umgibt.

Was ist Ihre Mission im Arbeitsleben?

Ich trat in Österreich mit der klaren Aufgabenstellung, die Beziehungen dramatisch zu verbessern, an, die in dieser Zeit eher Nicht-Beziehung genannt wurden und, um die Themen, die die Beziehung verschlechterten, zu vermeiden. Beide Länder verfielen in eine merkwürdige Phase: die österreichische Reminiszenz an Österreich-Ungarn, die Schatten des Zweiten Weltkrieges, ideologische Unterschiede der Vergangenheit, die Übergangszeit der freien Personenbewegung, Missverständnisse bei der Kernenergie und allgemeines Misstrauen, verursacht durch das Defizit des Lebensstandards der beiden Länder nach dem Jahr 1989. Nach zwei Jahren habe ich das Gefühl, dass ich mit meinem Team gute Arbeit geleistet habe. Die Tschechen werden fast als eine der besten Nachbarn und als bedeutende Partner in Mitteleuropa wahrgenommen. Weder die Regierung, noch die Opposition haben mit Österreich ein Problem. Vielleicht kommt die Zeit, wo wir uns in Mitteleuropa noch besser fühlen werden.

Sie haben einen progressiven und unkonventionellen Ansatz. Sie bemühen sich die Arbeitshierarchie zu verwischen, unterstützen Praktikanten und sind in den sozialen Netzwerken aktiv.

Ich glaube nicht, dass mein Zugang unkonventionell ist. Wenn es unkonventionell ist, arbeitseifrig zu sein, dann ist das bereits schlecht. Ich fördere gerne Menschen, die es brauchen und ein bisschen weniger gern unterstütze ich jemanden, der die Tendenz hat, Entscheidungen für alle zu machen. Es darf nicht sein, dass in der Hierarchie nur jene Menschen ihre Ideen durchsetzen, die an der Spitze stehen. Es ist wichtig, die Teams zu verbinden und die Landkreise, Städte und Universitäten in die Diplomatie miteinzubeziehen. Gerne höre ich Praktikanten zu und unterstütze ihre Ideen. Twitter und Instagram sind meinen zwei Praktikanten in Polen eingefallen, weil sie den richtigen Schluss gezogen hatten, dass die Diplomatie von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden muss. Ich habe verstanden, dass auch Twitter unsere Welt inklusiver macht.

Hatten Sie in Ihrem Leben bedeutende Lehrer, die Sie inspirierten und leiteten?

Ja, Papa, jedoch nur bis zu meinem 13. Lebensjahr, weil er da gestorben ist. Später habe ich mir dann vorgestellt, was er getan und gesagt hätte. Meine zwei Onkel haben mir auch geholfen während des Heranwachsens und ich bin ihnen sehr dankbar. Ich spielte Hockey, meine Vorbilder waren daher verschiedene Sportler. Insgesamt hatte ich Glück mit meinen Vorgesetzten. Wenn sie sahen, dass etwas möglich war, dann versuchten sie es auch. In Zeiten wo noch keine Vorschriften über Praktikanten existierten sagte mein Vorgesetzter in Berlin: „Schau, warum sollten wir hier keine Studenten haben, wenn es durch nichts verhindert wird?“

Bemühen Sie sich, jemanden zu leiten?

Ich bemühe mich, ein bisschen das Aufwachsen meiner Kinder zu beeinflussen. Wir haben gemeinsame Debatten über verschiedene Dinge. In der Arbeit schaffe ich es, neben meinen Mitarbeitern, mich nur auf etwa zwei Praktikanten zu konzentrieren. Um einen Mentor zu finden müssen die Bedingungen geschaffen werden. Im Privatsektor kann ich die Bedingungen schnell schaffen aber im öffentlichen Sektor ist das schwierig. In Österreich ist man daran gewohnt, dass Praktikanten ein wertvoller Teil des Teams der Institutionen sind, aber in manchen traditionelleren Ländern ist das anders. Der Tschechische Management Verein hat unlängst in unserer Botschaft ein Seminar veranstaltet, wo Vertreter großer Unternehmen mit Studenten darüber diskutierten, wie es in der Praxis aussehen sollte. Es gibt darüber eine Aufzeichnung. Das war durchaus kontrovers.

Sie arbeiten oft mit jungen Menschen zusammen, sehen Sie dabei irgendein Problem, das zuvor nicht da war?

Die Menschen resignieren in ihrem eigenen Denken. Wir alle haben eine hohe Zahl an Informationsquellen und sollten für uns selbst entscheiden, und erst dann, passend zu unserer Meinung, verwandte Seelen suchen, und nicht umgekehrt. Es ist überaus wichtig sich das eigene kritische Denken zu bewahren. Zum Beispiel sollte man absichtlich die Meinungen der Gegner lesen, auch wenn man nicht damit übereinstimmt. Schließen Sie nicht von Facebooks gleichgesinnten Gruppen und von Menschen mit ähnlichen Ansichten, sondern sehen Sie über das Ufer hinaus. Einige Unannehmlichkeiten müssen wir uns sogar verschreiben.

Haben Sie Empfehlungen für junge Tschechen? Aus meiner Erfahrung in Brüssel sind die Polen progressiver als die Tschechen.

Ich erlebte Polen und stellte fest, dass diese Eigenschaft in der Ausbildung und in der Tradition gegeben ist. Wir sollten uns nicht belügen, wir werden nicht zu Polen. Wir sollten von unserer Tradition ausgehen, von unseren bestimmten Fähigkeiten, sowohl das Wichtige zu erkennen, als auch Details zu sehen, und uns selbst sagen können, dass unsere einzigartige wirtschaftliche und politische Transformation, bei der wir unseren eigenen Weg verfolgt haben, sehr interessant ist. Jetzt haben wir eine einzigartige Möglichkeit unsere Erfahrungen beim Brexit anzuwenden. Wir können, wie nach der tschechisch-slowakischen Teilung, loslassen und an dutzenden oder hunderten kleinen Verträgen arbeiten, die die Briten mit der Gemeinschaft verbinden.

Auf welche Traditionen können wir bauen?

Unsere Vorfahren zur Zeit Masaryks waren fähig, durch kleine Schritte auf den Trümmern Österreich-Ungarns die Tschechoslowakei zu erschaffen. In der Zwischenzeit waren die Polen in der Lage einige Aufstände zu machen, allerdings mit umstrittenem Ergebnis. Auf lange Sicht ist es ein Wunder, dass überhaupt auf diesem Raum Tschechen leben. Wir sollten nicht der Anziehung der Großmächte unterliegen. Wir müssen in der Lage sein, uns mit unseren Nachbarn zu einigen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, aber auch manchmal zu sagen, das wollen wir nicht, das gehört zu uns, wir sind Tschechen. Es ärgert mich, warum die Leute sich gegenseitig so negativ betrachten und sagen, dass wir klein sind. Versuchen Sie einen Holländer zu fragen, ob er glaubt, dass sein Land klein ist. Es ist nötig ein gesundes Selbstbewusstsein zu erwecken, das nicht zu schlimmen Dingen führt.

 

Jan Sechter ist Botschafter der Tschechischen Republik in Österreich. Er begann seine berufliche Laufbahn bei der Stiftung der Tageszeitung Lidové noviny (heute Člověk v tísni), seit 1993 arbeitete er im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten. Nach und nach arbeitete er sich hoch zur Position des Botschafters in Polen und Österreich. Er spricht fließend Deutsch, Englisch, Russisch und Polnisch. Folgen Sie ihm auf Twitter (@jan6869), Instagram (@jansechter) oder lesen Sie die Beiträge der Botschaftswebsites oder auf Facebook. Und falls Sie ihm persönlich begegnen wollen, warum versuchen Sie nicht ein Praktikum an der Botschaft zu absolvieren?

Link zum Blog: https://pinklich.wordpress.com/author/pinklich/ 

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